Von Kirschkernen, Wollfäden und einem Einhorn

Dieses Mal möchte ich auf eine typische Interviewfrage eingehen, die mir – und vielen anderen Autoren – immer wieder gestellt wird: Woher hast du eigentlich deine Ideen?
Darauf habe ich schon viele verschieden Antworten gegeben, jede davon ist aber nur ein Teil der „ganzen Wahrheit“ gewesen. Hier nun der Versuch einer vollständigen Antwort.
Es geht damit los, dass ich nicht das Gefühl habe, meine Ideen irgendwo her „zu bekommen“. Eher ist es so, dass sie mich finden.
Da gibt es so eine Art „Grundrauschen“, das immer da ist. Vor ein paar Tagen habe ich das auf meiner Facebook-Seite folgendermaßen beschrieben:
Beim Frühstück beäugt meine Tochter äußerst misstrauisch das Obst auf ihrem Teller. Dann fragt sie: „Hast du die Löcher in die Kirschen gemacht?“ Meine erste Antwort: „Ja, wenn man die Steine da raus holen will, muss man leider ein Loch rein machen“ war mir viel zu langweilig. Die zweite Version lautete: „Es gibt so kleine Kirschkernklau-Monster – nein warte: Kirschkernklau-Kobolde, die kommen nachts und klauen die Kirschkerne …“  Zu diesem Zeitpunkt war die kleine Geschichte in meinem Kopf schon fast fertig und ich sah die Kobolde vor mir, wie sie die nachts geklauten Kirschkerne tagsüber auf nichtsahnende Menschen spuckten … Aber der gequälte Blick meiner Tochter sagte nur: „Mama – kannst du nicht einfach mal normal sein?“
Sorry. Ich kann ein paar Dinge. Normalsein gehört nicht dazu.
Aber die Geschichte von den Kirschkernklau-Kobolden wird es aller Voraussicht nach nicht in ein Buch schaffen. Das tun allenfalls solche Ideen, die sich vom „Grundrauschen“ abheben, die ich besonders interessant, schön, „heftig“ oder sexy finde. Und wo kommen die her?
Wie gesagt: Ich habe das Gefühl, sie finden mich. Ich beobachte etwas, lese oder höre einen Satz, eine Melodie … und irgendetwas bleibt hängen, setzt sich fest, verselbstständigt sich.
Diese Initialzündungen für eine Geschichte vergleiche ich gern mit Wollfäden. Zuerst sehe ich nur ein kurzes Stück davon. Wenn das mein Interesse weckt, ziehe ich daran und schaue, wie es weitergeht, wenn ich das „Knäul“ langsam abrolle. Es gibt ganz unterschiedliche Fäden: Farbige, graue, stabile, solche die gleich wieder reißen, glatte, raue … Ich verfolge sie so lange, bis ich den Anfang gefunden habe, denn erst dann kann ich beurteilen, ob ich das ganze „Knäul“ haben will.
Dann beim Schreiben bin ich mir niemals so ganz sicher, ob ich die Geschichte wirklich erfinde oder etwas aufschreibe, was eigentlich schon „da“ ist. So manches Mal habe ich einen Plan, wie der weitere Handlungsverlauf aussehen sollte, aber dann merke ich, dass da etwas „falsch“ ist, dass ich den Plan ändern muss. „Aber es ist doch deine Geschichte! Du bestimmst wie die Personen darin handeln“, bekomme ich öfter zu hören. Das ist aber nicht so. Die Personen haben ein Eigenleben – und oft genug ihren eigenen Willen und ihre eigene Meinung. Sie leben, entwickeln sich, streiten und lieben sich, teilen mir ihre Ansichten mit, während ich sie beobachte und aufschreibe, was passiert.
Das heißt natürlich, dass ich die handelnden Personen vor mir sehen, mich in sie hineindenken, mit ihnen fühlen, dass also meine Geschichte „lebendig“ werden muss. Deswegen ist es so unglaublich wichtig, dass ich zu einer Geschichte „Bilder“ habe. Nur dann kann ich sie schreiben. Andere würden sagen, sie sehen die Story in ihrem Kopfkino. Das zu sagen, wäre normal. Aber, wie ihr inzwischen wisst, ist Normalsein nichts für mich. Für mich wird eine Story nur dann lebendig, wenn sie meinem Einhorn gefällt.
„Deinem WAS???“
Meinem Einhorn. Es ist für mich Sinnbild meiner Fantasie und seit ich es entdeckt habe mein „Wappentier“.
Warum ausgerechnet ein Einhorn?
Nun, es ist in meinem Alltag etwas unglaublich Schönes, aber gleichzeitig etwas sehr Seltenes. Denn auch, wenn das „Grundrauschen“ an Ideen immer da ist, sind doch diejenigen, die ich so gut finde, dass daraus Romane entstehen, äußerst rar. Gleichzeitig ist ein Einhorn ein scheues, aber unabhängiges Wesen, das sich weder dressieren noch herbeizwingen lässt, sondern seine Freiräume braucht. Es kommt, wenn es ihm passt, bleibt, solange es will und tut das, was es für richtig hält. Ich kann es um Rat und Unterstützung bitten, aber ich kann ihm keine Befehle erteilen.
Ich bewundere Kolleginnen und Kollegen, die diszipliniert Stunde um Stunde, Tag für Tag, ein Wort nach dem nächsten schreiben und alle paar Monate einen neuen Roman veröffentlichen, der dann auch noch gut ist. Das könnte ich nicht, und für mich kann ich mir das auch nicht vorstellen.
Einerseits, weil ich nicht genügend Ideen habe, die gut genug sind, um zu Romanen werden zu dürfen.
Andererseits weil das Schreiben für mich zu einer alltäglichen Tätigkeit würde, nicht mehr den Reiz des ganz Besonderen hätte. Das fände ich unglaublich schade.
Für mich soll das Niederschreiben meiner Fantasien bleiben wie es ist: ein Treffen mit meinem Einhorn, eben. In der Hoffnung, dass ihr es sehen könnt, wenn ihr meine Bücher lest.
Mit lieben Grüßen,
Eure Lily
P.S.: Mein Angebot gilt nach wie vor: Falls es etwas gibt, über das ihr gern einmal meine Meinung erfahren möchtet, könnt ihr mir eure Fragestellung gern schicken. Entweder hier als Kommi, oder als PN auf Facebook oder als Mail unter lily@lily-konrad.de.

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